Memories Look at Me (Erinnerungen schauen mich an)

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China (2012).  Regie: Song Fang, Drehbuch: Song Fang

Eine dreißigjährige, alleinstehende Frau kehrt zurück in die Wohnung ihrer betagten Eltern in Nanjing und gibt sich Mühe, wieder eine Verbindung aufzubauen zu ihnen und anderen Verwandten und wieder an Früheres anzuknüpfen. Sie bilden eine enge Familie, miteinander verbunden durch bedingungslose Liebe und Respekt. Sie tun, was solche Familien tun – reden, essen, lachen und in Erinnerungen schwelgen. Sie mögen sich und helfen sich gegenseitig. Und sie sorgen sich um den anderen. “Wie lange willst du noch alleine leben?”, fragt die Mutter. Die Sorgen der Tochter bleiben unausgesprochen, aber sie hört ruhig zu, als ihre Eltern und andere Verwandte dieser Generation in sehr berührender Art über Verlust und dessen Auswirkungen sprechen, in ihrem Alter häufigere und daher gewohnte Ereignisse.

Physische und emotionale Intimität unterstützt den Film: er wurde fast vollständig in der kleinen Wohnung gedreht – die einzige Szene ausserhalb spielt in einem Auto; wir sehen die Tochter, wie sie liebevoll die Augenbrauen ihrer Mutter zupft und dem Vater die Ohren reinigt. Und wir sehen die Eltern und den Bruder schlafend, verletzlich. Aber es ist keine klaustrophobische Intimität. Der Soundtrack -es gibt keine Filmmusik- vergegenwärtigt in der Wohnung das geschäftige Hin und Her, das draussen herrscht, und Song gibt uns Raum und Zeit zur Betrachtung: sie filmt mit feststehender Kamera, die Charaktere sprechen nicht direkt in die Kamera, sondern aus der Umgebung heraus – zwei- oder dreimal sprechen alle gleichzeitig im Hintergrund, während sie sich auf die Einrichtung oder einen bescheidenen Gegenstand konzentriert.

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Song erinnert uns daran, wie beunruhigend schnell die Zeit vergeht “Ist es jetzt zehn Jahre her, seit er gestorben ist?” und reflektiert über den Kreislauf von Leben und Tod und den damit zusammenhängenden gefühlsmässigen Handlungen und Reaktionen. Dabei sind Erinnerungen entscheidend. Während sie einerseits manchmal emotional belasten, verbinden sie andererseits die Familienmitglieder und schaffen eine Art Basis für philosophische Akzeptanz. Wir werden aber auch daran erinnert, wie unser normales Ordnungsempfinden gestört wird, zum Beispiel wenn die Tochter früher als der Vater verstirbt. Song und ihre Familie, die bezaubernde Nichte eingeschlossen, sie alle spielen sich selbst, schlicht und real. Es ist ein universeller Film, umso mehr aber auch einzigartig, kraftvoll und bewegend durch die weibliche Sensibilität. Und er ist grosszügig und umhüllt uns am Ende mit Trost und Wärme.

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